Statement Roter Stern Leipzig zu Silvesternacht in Connewitz

Leipzig

Der RSL hat folgenden Brief unterzeichnet und bittet um rege Verbreitung:

Offener Brief: Connewitz bleibt stabil!
In der Silvesternacht gab es viele von uns, die am Connewitzer Kreuz friedlich in das Neue Jahr reinfeiern wollten. Die Präsenz der Polizei war massiv. Ab ca. 0:15 Uhr eskalierte die Situation. Feiernde wie auch Polizeibeamte wurden verletzt. Noch am frühen Morgen des 01.01.2020 gab die Polizei Leipzig eine Pressemitteilung heraus, die in den folgenden Tagen von Journalist*innen und Augenzeug*innen widerlegt wurde. Weder wurde ein brennender Einkaufswagen in Richtung der Polizei geschoben, noch musste ein verletzter Polizeibeamter notoperiert werden. Auch der Tatvorwurf des versuchten Mordes an dem Polizisten ist zweifelhaft, verschaffte unserem Stadtteil aber bundesweite Negativpresse. Am schlimmsten allerdings ist, dass die Polizei sich einer Richtigstellung der Falschinformationen verweigert.
Diese Form der Stimmungsmache gegen Connewitz und uns, die wir hier wohnen, dauert bereits mehrere Monate an.
Wir sagen klar: Darauf haben wir keine Bock mehr. Wenn der Sächsische Innenminister Roland Wöller nun ankündigt, für „Sicherheit“ in Leipzig-Connewitz mit mehr Polizeipräsenz sorgen zu wollen, sagen wir: Nein! Denn: Wir fühlen uns hier sicher.

Wir leben gern in diesem Stadtteil, weil es hier Freiräume gibt, um vielfältige Ideen entwickeln und ausleben zu können. Connewitz bietet viel Platz für (nichtkommerzielle) Kultur, für kritische Bildungs- und Diskussionsveranstaltungen, für Nachbarschaftshilfe und spontane Ideen. Connewitz bedeutet verschiedene Wohnformen und Lebensstile, bedeutet im öffentlichen Raum rumzustehen und rumzusitzen und Menschen zu treffen. Der Umgang miteinander macht das Leben in diesem Stadtteil aus.
Wir finden es jedoch unerträglich, wenn ein Stadtteil mit seinen Bewohner*innen und deren alternativer, selbstbestimmter und auch politischer Anspruch kriminalisiert wird.

Wir wollen selbst aushandeln, welche Grenzen wir setzen bzw. welche wir respektieren und wo wir Freiräume lassen. Unser gemeinsamer Nenner sind Solidarität und Freiheit von Diskriminierung.

Wir wollen friedlich zusammenleben. Doch die negative Stimmungsmache durch Teile der Politik und Medien und die Polizei gegen unseren Kiez wird mehr und mehr zum Problem. In den vergangenen Monaten ist der Druck auf das Viertel und seine Bewohner*innen gestiegen. Wenn in Connewitz ein Sack Reis umfällt, ist das bereits eine Meldung wert. Im Alltag bedeutet das massive Polizeipräsenz, den kreisenden Polizeihubschrauber und verdachtsunabhängige Personenkontrollen. Das vermittelt uns kein Gefühl der Sicherheit – ganz im Gegenteil.

Wir wollen nicht, dass unser Viertel von der Polizei übernommen wird und durch deren Präsenz Bewohner*innen eingeschüchtert und kriminalisiert werden.

Wir fordern die Polizei Leipzig auf eine sachliche Kommunikation mit den Bewohner*innen im Leipziger Süden aufzunehmen.
Weiterhin fordern wir die Polizei auf, Connewitz nicht weiter als ein Viertel besonderer Aufmerksamkeit zu behandeln. In unserem Stadtteil werden nicht mehr Straftaten begangen, als in anderen Stadtteilen, das ist auch in den Statistiken nachzulesen.

Wir wollen diskutieren, wir wollen diesen Kiez gemeinsam gestalten und Probleme kommunikativ lösen. Wir sind vielfältig und verschieden. Uns eint, dass wir gern hier leben und kritisch bleiben.

Quelle: Facebook